Köpfe der Wissensregion Düsseldorf: Prof. Dr. Stefan Schweizer

Prof. Dr. Stefan Schweizer ist wissenschaftlicher Vorstand und Direktor der Stiftung Schloss und Park Benrath. Als Wissensproduzentin und -vermittlerin prägt diese das Düsseldorfer Stadtbild und ist mit ihrer Ausrichtung exemplarisch für interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Im Gespräch mit der Wissensregion Düsseldorf berichtet Prof. Dr. Schweizer, welche Pläne es für Schloss Benrath in der Zukunft gibt, wo bereits mit anderen Wissensinstitutionen in der Region kooperiert wird und welche Rolle Museen als Wissensproduzenten spielen.

Hochschulen bieten in den letzten Jahren im Rahmen der „third mission” vermehrt Formate der Wissensvermittlung für die breite Gesellschaft an. In Düsseldorf wird der Kontakt zu den Bürger/innen z.B. über das Programm der Bürgeruniversität gesucht. Die Nacht der Wissenschaft 2019 war ein Riesenerfolg. Für ein Museum ist die Vermittlung von Wissen an Bürger/innen hingegen schon immer das tägliche Geschäft. Was halten Sie von dem Bemühen der Hochschulen, Wissenschaft „an den Mann” zu bringen? Könnte es hier gar Konkurrenz geben?

Meine Überzeugung war immer, dass Wissenschaft breit vermittelt werden muss.

Als Konkurrenz würde ich das nicht sehen. Meine Überzeugung war immer, dass Wissenschaft breit vermittelt werden muss, denjenigen, die sie am Ende über Steuern finanzieren. Damit werden ihre Voraussetzungen und ihre Wirkweisen auch begreifbar. Dass wissenschaftliche Debatten etwa nicht eins zu eins in politisches Handeln übersetzbar sind, haben wir ja gerade bei den Covid-19-Diskussionen beobachtet. Am Ende skandalisierte die BILD-Zeitung eine ganz normale Debatte unter WissenschaftlerInnen und produzierte damit eine Vorstellung von wissenschaftlicher Eindeutigkeit, die schlicht Blödsinn ist. Die Bürgerinnen und Bürger davon zu überzeugen, dass Wissenschaft oft auf „sowohl als auch” hinausläuft, dass Erkenntnisse ihre Bedingungen und Halbwertszeiten besitzen, ist ein großartiges Anliegen.

Wie schätzen Sie die Rolle von Museen als Wissensproduzenten für die Region ein?

Das hängt immer von den jeweiligen Einrichtungen ab. Kunstmuseen holen die große Welt in die Stadt, man denke nur an die Ausstellungen der Kunstsammlung NRW mit Cao Fei und Ai Weiwei in den letzten beiden Jahren. In einer historischen Schloss- und Parkanlage ist man eher für regionales Geschichts- und Kunstgeschichtswissen und in den naturkundlichen Sammlungen eher für die lokale Naturgeschichte verantwortlich. Aber wir wollen das in den nächsten Jahren auch konsequent verräumlichen – regional, kontinental und global. Der Grundstoff unserer Seidentapeten, die in Frankreich hergestellt wurden, stammt vielleicht aus China, das Mahagoni- oder Palisanderholz unserer barocken Möbel ganz sicher aus dem Pazifik-Raum bzw. aus Südamerika. Im Park stehen zahlreiche Bäume, die ihren Ursprung auf anderen Kontinenten haben. Unser Baumeister stammt aus Frankreich, die Stuckateure kamen aus Italien, das chinoise Porzellan der Kurfürstin orientierte sich an Vorlagen aus China, woher auch unsere Zitruspflanzen stammen. Mit den ornithologischen Präparaten unserer Zugvögel können wir interkontinentale Vogelzugstrecken veranschaulichen, wie wir auch Tier- und Pflanzenmigrationen als einen Normalfall verständlich machen können. Wir wollen die Sammlungen und die Bau- wie Parkausstattung von Schloss Benrath einem „Mapping” unterziehen, um so die Vernetzung der frühneuzeitlichen Welt zu thematisieren und auf einen konkreten Ort wie Benrath projizieren.

Kooperieren Sie mit anderen Wissensinstitutionen aus der Region?

Museen besitzen große Erfahrungen im Umgang mit den Interessenlagen von Besucherinnen und Besuchern und damit auch ein Verständnis von Wissensvermittlung – davon könnten gemeinsame Projekte profitieren.

Seit Jahren, jüngst mit der HSD, die uns ein Computerspiel programmiert und gestaltet hat. Wir haben in Kooperation mit der HHU zahlreiche gemeinsame Tagungen und gemeinsame Ausstellungen veranstaltet, auch solche von Studierenden. Ich habe mehrere Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten betreut bzw. mitbetreut, deren Themen eng mit unseren Sammlungen bzw. Museen zusammenhingen. Davon profitieren wir sehr, auch davon, dass wir über diese Kooperationen Drittmittel bei Einrichtungen der Wissenschaftsförderung generieren konnten.

In welchen Bereichen wünschen Sie sich noch mehr Kooperation?

Die allermeisten Forschungsprojekte werden eher inneruniversitär konfiguriert. Es wird noch zu wenig mit den Sammlungen der Museen gearbeitet und nach gemeinsamen Perspektiven gesucht. Museen besitzen große Erfahrungen im Umgang mit den Interessenlagen von Besucherinnen und Besuchern und damit auch ein Verständnis von Wissensvermittlung – davon könnten gemeinsame Projekte profitieren.

Die Stiftung Schloss und Park Benrath ist sehr interdisziplinär aufgestellt, da Sie neben den historischen Gebäuden und der Parkanlage auch ein Naturkundemuseum, ein Gartenkunstmuseum und Wechselausstellungen beherbergen. Macht es Unterschiede, ob man im naturwissenschaftlichen Bereich Wissen produziert und vermittelt oder z.B. historische Prunkräume bespielt?

Ja und nein. Oft ist die Hemmschwelle beim familiären Museumsbesuch in Naturkundemuseen geringer, weil viele Eltern glauben, sie könnten ihren Kindern naturwissenschaftliche Zusammenhänge leichter vermitteln als kulturhistorische, was ich für einen kapitalen Trugschluss halte. Kulturhistorisches Interesse ist zudem stärker vom Bildungsgrad abhängig; von Vorteil erscheint, dass sich Themen wie barocke Lebenskultur auf popkulturelle Adaptionen berufen können, etwa Historienfilme, Werbung etc. Nach Sofia Coppolas Marie-Antoinette-Film etablierte sich das Petit Trianon in Versailles zu einem Pilgerort junger Frauen, die sich mit dem Schicksal der Königin identifizierten, wobei man über das in diesem Film vermittelte Geschichtsbild auch diskutieren muss.

Lokale Identität, soziale und kulturelle Integration, ästhetische Bildung für alle Altersschichten, Wissen und Unterhaltung – das ist weit mehr als nur der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält!

Die Corona-Krise hat Kulturinstitutionen hart getroffen. Wie kann man jetzt Museen am besten unterstützen?

Sie besuchen, soweit das geht! Absehbar sind bereits heute Verteilungskämpfe um finanzielle Mittel auf allen Ebenen. Hier muss Kultureinrichtungen und Künstlern eine Sonderrolle zugestanden werden. Wir kosten die öffentliche Hand vergleichsweise wenig, umso verheerender wären Budgetkürzungen im Bereich der Kultur. Der Kulturetat von Düsseldorf beträgt ca. 175 Millionen Euro, bei einem Gesamthaushalt von ca. 3 Milliarden – knapp 6 Prozent. Diese 6 Prozent produzieren lokale Identität, soziale und kulturelle Integration, ästhetische Bildung für alle Altersschichten, Wissen und Unterhaltung – das ist weit mehr als nur der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält!

Herzlichen Dank an Herrn Prof. Dr. Schweizer für das interessante Gespräch!

Mehr Informationen zur Stiftung Schloss und Park Benrath finden Sie unter https://www.schloss-benrath.de/.