Digitale Lehre in Düsseldorf: im Gespräch mit WHU-Rektor Prof. Dr. Markus Rudolf und FFH-Rektor Prof. Dr. Dr. Ralf Evers

Am Montag beginnt der Online-Vorlesungsbetrieb an vielen Düsseldorfer Hochschulen. An der WHU – Otto Beisheim School of Management und an der Fliedner Fachhochschule (FFH) startete man hingegen bereits im März mit der digitalen Lehre. Die Corona-Pandemie rückt dieses Thema aktuell stärker als je zuvor in den Fokus und bedeutet für alle Angehörigen der Hochschulen eine massive Umstellung in kürzester Zeit. Gleichzeitig liegt in der schnellen Aktivierung von Potenzialen und Lösungen auch eine große Chance, deren Effekt sicher noch nach Ende der Pandemie zu spüren sein dürfte.

 Hierzu spricht die Wissensregion Düsseldorf mit Herrn Prof. Dr. Markus Rudolf, dem Rektor der WHU – Otto Beisheim School of Management, und Herrn Prof. Dr. Dr. Ralf Evers, dem Rektor der Fliedner Fachhochschule. Lesen Sie hier, wie der Start ins Sommersemester an der WHU und an der FFH unter den außergewöhnlichen Umständen gelungen ist und welche Perspektiven die Rektoren für die nächste Zeit an ihren jeweiligen Institutionen sehen und schaffen.

Herr Prof. Rudolf, der Semesterstart an der WHU in Düsseldorf wurde nicht verschoben, sondern für die Studierenden ging es pünktlich – und online – im März los. Wie sind die ersten Erfahrungswerte, was läuft gut, wo liegen noch Hürden?

Es ist uns wichtig, unseren Studierenden eine nahtlose Fortsetzung der Ausbildung zu garantieren. So startete beispielsweise der neue MBA-Jahrgang wie gewohnt im März. Neu war für die 36 Studierenden nur, dass die Begrüßungszeremonie online über Zoom stattfand. Wir sind in stetigem Austausch mit unseren Studierenden und auch wenn die Umstellung von Präsenz- auf Online-Unterricht zunächst eine Herausforderung war, ist das Feedback, das wir erhalten, durchaus positiv. Die Studierenden sehen die aktuelle Situation viel mehr als Chance, sich neue Fähigkeiten anzueignen, die in der sich wandelnden Berufswelt immer mehr gefragt sind. Auch die Interaktivität in den Kursen sowie die Individualität des Lernens seien viel höher. Von Seiten der Fakultät sind die unterschiedlichen Zeitzonen, aus denen sich die Studierenden online zuschalten, zwar eine Hürde, jedoch ist die Arbeitsatmosphäre durch die Online-Formate dynamischer und intensiver.

Unter dem Hashtag #wekeepWHUrunning sammelt Ihr Social Media-Team ja aktuell die Erfahrungen und Feedback. Wie ist die Stimmung unter den Lehrenden und Studierenden nach den ersten Wochen Online-Betrieb?  Bereitet die Umstellung vielen Sorge oder überwiegt der Optimismus und der Wille, sich auf das Neue einzulassen?

Mit der #wekeepWHUrunning Kampagne wollen wir unserer WHU Community zeigen, dass wir trotz der sozialen Distanz als Gemeinschaft zusammenhalten. Dies wird sehr gut angenommen; Studierende, Lehrende, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen teilen ihre Erfahrungen aus dem Home-Office und der Online-Lehre. Für die meisten lief die Umstellung einwandfrei und es entstehen wirklich kreative Beiträge, wie zum Beispiel ein Arbeitsplatz mit Blick in den sonnigen Garten und Screenshots von lachenden Teilnehmern aus digitalen Zoom-Konferenzen. All diese Beiträge, die den WHU Spirit zeigen, verdeutlichen einmal mehr, dass wir gemeinsam durch schwierige Zeiten gehen und uns auf das Positive fokussieren.

Durch das Angebot an berufsbegleitenden Studiengängen sind orts- und zeitunabhängige Wege des Lehrens und Lernens an der WHU nicht erst seit diesem Semester gefragt. Wie profitieren die Dozierenden nun davon, dass es an der Hochschule eine gewisse Erfahrung mit flexiblen Formaten gibt?

Die WHU war bereits vor der Corona-Krise digital gut aufgestellt: unsere großen Hörsäle am Campus Vallendar und Düsseldorf sind mit jeweils 6 Bewegungskameras ausgestattet, die es ermöglichen, Vorlesungen aufzuzeichnen und unseren Studierenden über die Plattform Panopto zur Verfügung zu stellen. Durch die Zusammenarbeit unseres Center of Digitalisation und unserer IT-Abteilung, welche gemeinsam mit der Fakultät unterschiedliche digitale Lehrkonzepte entwickeln, können unsere Fakultätsmitglieder beispielsweise durch das Lernmanagementsystem Moodle auf alternative Lehroptionen jenseits von einem traditionellen Frontal-Unterricht zurückgreifen. Im Zuge der Umstellung auf Online-Formate stehen die Professorinnen und Professoren in engem Austausch untereinander, teilen innovative und bewährte Erfahrungen miteinander und passen so ihr individuelles Kursangebot an.

Lerninhalte in den virtuellen Raum zu verlegen ist das Eine. Viele Studierende machen sich aber auch Gedanken darüber, wie Prüfungen und Klausuren in der aktuellen Situation ablaufen können. Gibt es auch hier Überlegungen für digitale Lösungen?

Um die Prüfungen in gleichem Maße wie auch die Lehre in Online-Formaten anzubieten, haben wir zwei Möglichkeiten erarbeitet, sogenannte „Take-At-Home-Exams“ und „Take-Home-Exams“.

Wir haben verstärkt digitale Prüfungslösungen untersucht und auch juristisch ist es möglich, Prüfungen digital abzuhalten. Dabei verfolgen wir das Ziel, unseren Studierenden eine vergleichbare und faire Prüfungssituation zu gewährleisten. Um die Prüfungen in gleichem Maße wie auch die Lehre in Online-Formaten anzubieten, haben wir zwei Möglichkeiten erarbeitet, sogenannte „Take-At-Home-Exams“ und „Take-Home-Exams“.

Die erste Prüfungsoption ist synchron und ermöglicht den Studierenden gleichzeitig online in Form von Multiple Choice Fragen und offenen Fragen ihre Prüfung abzulegen. Technisch können wir dies zum Beispiel mit Moodle bewerkstelligen. Die zweite Option ist asynchron, verläuft über einen längeren Zeitraum und kann in Form von Fallstudien, Essays und (Video-) Präsentationen durchgeführt werden.

Welche Chancen sehen Sie in der verstärkten Nutzung der digitalen Lehre? Wie können die Hochschulen langfristig von den gegenwärtigen Erfahrungen profitieren, welchen Effekt erhoffen Sie sich vielleicht sogar für die Zeit nach der Corona-Pandemie?

Ich denke, dass sich die digitale Lehre – auch nach der Corona-Pandemie – zu einem festen Bestandteil der Hochschulbildung etablieren wird.

Ich denke, dass sich die digitale Lehre – auch nach der Corona-Pandemie – zu einem festen Bestandteil der Hochschulbildung etablieren wird. Selbstverständlich wird sie die Präsenzlehre nicht von Grund auf ersetzen, diese und gerade den persönlichen Austausch schätzen unsere Studierenden und Lehrenden an der WHU sehr. Dennoch kann ich mir vorstellen, dass die Hochschulen, die auf Online-Formate umgestellt haben, nun einen enormen Erfahrungsschatz generieren und diesen auch in Zukunft nutzen werden. Die WHU hat beispielsweise neben der Umstellung in der Lehre auch hinsichtlich der Aufnahmeverfahren in den Programmen reagiert und diese ebenfalls erfolgreich in den virtuellen Raum verlagert. Künftig können somit Bewerbungsgespräche und Interviews online stattfinden.

Zunehmend wird nicht nur die WHU, sondern die meisten Hochschulen, viele Lebensbereiche am Campus digitalisieren, zum Beispiel Unterschriften, das Campus Management, das Bezahlen in der Mensa und der Cafeteria, das Öffnen von Türen und die Reservierung von Räumen.

An der WHU gibt es auch Studiengänge, die zum aktuellen Sommersemester aufgenommen werden können und ein Großteil Ihrer Studierenden kommt aus dem Ausland. Für die Neulinge wird ein rein digitaler Einstieg ins Studium ggf. eine besondere Herausforderung – gibt es nun Angebote, die sich explizit an Erstsemester richten und ihnen das Einleben am (virtuellen) Campus erleichtern?

Zunächst wurde der MBA-Programmstart komplett online über Zoom abgehalten, mitsamt den Begrüßungsreden und der Vorstellung des Programms. Dies kam dem internationalen Jahrgang mit Studierenden aus 20 Ländern gewiss entgegen. Auch die anschließende einwöchige Future Leaders Fundraising Challenge, ein intensiver Leadership-Kurs mit Wohltätigkeits-Charakter, in dem die MBA-Studierenden in Gruppen unternehmerisches Handeln und Führungskompetenzen erlernen und innovative Produkte entwickeln, wurde digital angeboten. Die gesammelten Spenden kamen auch dieses Mal wieder einem wohltätigen Zweck zugute. Darüber hinaus arbeiten unsere Programme und die Fakultät in höchstem Maße daran, den Einstieg ins Studium für die neuen Studierenden bestmöglich zu gestalten und beim Kennenlernen über Zoom- und Skype-Konferenzen den WHU Spirit zu vermitteln.

Sind einige Ihrer Studierenden nun verstärkt im ehrenamtlichen Einsatz? Haben Sie Formen der Honorierung ehrenamtlichen studentischen Engagements gefunden?

Unsere Studierenden sind schon immer sehr engagiert gewesen und verbringen unabhängig von der aktuellen Krise einen Großteil ihrer Zeit neben dem Studium mit der Arbeit und der Organisation in zahlreichen studentischen Initiativen. Auch dort sehen wir erste Erfolge der Umstellung in den virtuellen Raum; so hat die Initiative „Tradity Meets WHU“ beispielsweise als eine der ersten eine komplett digitale Konferenz organisiert.

Und abschließend: Was möchten Sie Ihren Studierenden für die nächsten Wochen als Motto zum Stichwort „digitale Lehre“ und „Durchhalten in Corona-Zeiten“ mit auf den Weg geben?

Zum einen danke ich unseren Studierenden für ihr Engagement und ihre Bereitschaft, die Umstellung auf die digitale Lehre ohne zu Zögern angenommen zu haben. In unserer offenen WHU-Kultur, die von Courage und Commitment lebt, schätze ich diesen Spirit und den Austausch sehr. Zum anderen hoffe ich, dass wir gesund durch diese Zeit kommen und am Ende mit innovativen Ideen und Erkenntnissen herausgehen, auf denen wir weiterhin aufbauen können.

Wir bedanken uns herzlich bei Herrn Prof. Rudolf für das Gespräch!

Digitale Lehre und medizinische Praxis: Interview mit Prof. Dr. Dr. Evers, Rektor der Fliedner Fachhochschule

Herr Prof. Evers, der Semesterstart an der Fliedner Fachhochschule wurde nicht verschoben, sondern für die Studierenden ging es pünktlich – und online – im März los. Wie sind die ersten Erfahrungswerte, was läuft gut, wo liegen noch Hürden?

Bereits Mitte März haben wir beschlossen, die Präsenzlehre bis zum 4. Mai auszusetzen. Dazu ist die FFH mit einem 3-Phasen-Modell ins Semester gestartet. Pünktlich zum Semesterstart am 23. März wurden in Phase 1 erste Online-Kurse zum Selbststudium bereitgestellt, die neben den Inhalten der einzelnen Studiengänge auch zentrale Angebote wie beispielsweise wissenschaftliches Arbeiten oder Forschungspraxis in der Corona-Pandemie enthielten. Ziel war es in dieser ersten Phase, Lehrende und Studierende schnell in den direkten, elektronisch gestützten Kontakt zu bringen und die Infrastruktur zu etablieren, um für die zweite Phase ab dem 6. April weitere Veranstaltungen als interaktive E-Learning-Angebote aufzusetzen. So kann das Semester auch ohne Präsenzveranstaltungen pünktlich zu Ende geführt werden.

Die große Herausforderung lag und liegt im didaktisch-methodischen Bereich. Sie ergibt sich aus der Menge des umzusetzenden Stoffs, aus der Herausforderung, dass nicht alle Kompetenzen elektronisch vermittelt werden können und aus dem Zeitdruck. Deshalb unser Phasen-Modell. Daher wurde eine „hochschuldidaktische Handwerkskammer E-Learning“ eingerichtet, in der sechs didaktisch versierte Professorinnen und Professoren sowie Lehrbeauftragte Starthilfe, Unterstützung und methodisch-didaktische Leitlinien für einzelne Veranstaltungsformen geben. Derzeit werden gute Praxiserfahrungen multipliziert und jeder Dozierende kann eine direkte Unterstützung erhalten.

Mit Abschluss der zweiten Phase Anfang Mai werden die meisten Studiengänge bereits ein Drittel ihrer Lehrveranstaltungen durchgeführt haben. Fokussiert wurde sich hier auf Veranstaltungen, zu denen es bereits eine E-Learning-Praxis gab oder E-Learning gut umgesetzt werden konnte. Den bekannten Veranstaltungsrhythmus innerhalb der Studiengänge haben wir dafür größtenteils geändert. Die Akzeptanz ist im Augenblick sehr hoch – seitens der Lehrenden und der Studierenden. Technische Schwierigkeiten wurden und werden weiterhin gelöst. Eine besonders wichtige Rolle spielt dabei, wie an unserer Hochschule üblich, die individuelle Betreuung und Beratung der einzelnen Studierenden, die wir auch jetzt gewährleisten möchten. Die direkte Kommunikation, auch wenn nur digital möglich, ist weiterhin essentiell.

In der dritten Phase, die für uns am 4. Mai beginnt, werden auch die übrigen Lehrveranstaltungen in der Online-Lehre durchgeführt. Das hat eine Reihe von zusätzlichen Herausforderungen zur Folge, weil nicht alle Veranstaltungen auf Präsenz verzichten und nicht alle Prüfungen online durchgeführt werden können. Daher wurden diese Veranstaltungen ans Ende des Semesters gestellt, um auch hier Zeit zu haben, Lösungen zu finden.

Unter dem Hashtag #ffhdigital sammelt Ihr Social Media-Team ja aktuell die Erfahrungen und Feedbacks. Wie ist die Stimmung unter den Lehrenden und Studierenden nach den ersten Wochen Online-Betrieb? Bereitet die Umstellung vielen Sorge oder überwiegt der Optimismus und der Wille, sich auf das Neue einzulassen?

Mit dem Modell gelingt es uns für mein Empfinden ausgesprochen gut, den Studierenden wie den Lehrenden einen klaren Plan zu geben, der zum Studienerfolg führt und dazu, dass es keine Veränderung der Rahmenstudienzeiten gibt. Dass die Veranstaltungen wie geplant Mitte Juli enden, Praktika in der vorlesungsfreien Zeit wie geplant stattfinden können und die Zeiten der beruflichen Praxis, die für viele Studierende klar vorgegeben sind, nicht geändert werden, trägt zur hohen Akzeptanz unseres Vorgehens bei.

Wir dokumentieren unser Vorgehen sehr sorgfältig und beginnen gerade auch mit der onlinebasierten Evaluation der augenblicklichen Lehre bei den Studierenden wie den Dozentinnen und Dozenten.

Der Plan, direkt in die Online-Lehre zu starten, ist bei den Lehrenden sehr positiv aufgenommen worden. Trotz des hohen zusätzlichen Aufwands, den die ad hoc Vorbereitung der E-Learning-Module mit sich bringt, ist auch eine gewisse Euphorie festzustellen, diesen neuen Weg zu gehen und daraus zukünftig auch nach der Corona-Krise feste digitale Bestandteile in der Lehre zu etablieren.

Die Anfragen, die das Rektorat von Seiten der Studierenden erreichen und uns intensiv beschäftigen, haben weniger mit der Online-Lehre zu tun, sondern mit Fragen der Studierbarkeit angesichts der vielfältigen Belastung, die viele Studierende derzeit spüren. Es begegnen uns Einzelfälle von Finanzierungsengpässen, weil Einkünfte aus Nebenjobs wegfallen, ebenso wie eine enorme physische und psychische Belastung in einigen sozialen Berufen, die kaum mit dem Studium vereinbar ist. Hier findet die Hochschule auf der Rektorats- wie auf der Studiengangsebene im Augenblick eine ganze Reihe von individuellen Lösungen, für die teilweise die digitale Lehre die entscheidenden Spielräume gibt.

Wir dokumentieren unser Vorgehen sehr sorgfältig und beginnen gerade auch mit der onlinebasierten Evaluation der augenblicklichen Lehre bei den Studierenden wie den Dozentinnen und Dozenten.

Durch das Angebot an dualen und berufsbegleitenden Studiengängen sind orts- und zeitunabhängige Wege des Lehrens und Lernens an der FFH nicht erst seit diesem Semester gefragt. Wie profitieren die Dozierenden nun davon, dass es an der Hochschule eine gewisse Erfahrung mit flexiblen Formaten gibt?

Zunächst ist es gut, dass allen Studierenden der FFH vom ersten Studientag an zwei technische Ressourcen zur Verfügung stehen. Alle Studiengänge nutzten bereits eine hochschulweite E-Learning-Plattform, so dass es sowohl Online-Inhalte als auch praktische Erfahrungen in der Nutzung gab. Und allen Studierenden wie Dozierenden steht Microsoft Office 365 als kostenlose Kommunikations- und Arbeitssoftware zur Verfügung, die Gruppenarbeitsprozesse und die Kommunikation in Teams ermöglicht.

Wir sehen die voranschreitende Digitalisierung, die wir derzeit erfahren, als Chance, einzelne Online-Module auch dauerhaft zu etablieren. Es wird aber auch sichtbar, wie wichtig die Präsenzlehre und der kontinuierliche persönliche Austausch zwischen Studierenden und Dozierenden ist, auf den wir bei uns an der Hochschule besonderen Wert legen. Insbesondere bei den dual und berufsbegleitend Studierenden im Gesundheits- und Sozialwesen, die durch die Vereinbarkeit von Studium und Beruf einer besonderen Belastung ausgesetzt sind, ist der direkte Kontakt mit Dozierenden und Mentoren in der Hochschule zwischen den Praxisphasen sehr wichtig.

Lerninhalte in den virtuellen Raum zu verlegen ist das Eine. Viele Studierende machen sich aber auch Gedanken darüber, wie Prüfungen und Klausuren in der aktuellen Situation ablaufen können. Gibt es auch hier Überlegungen für digitale Lösungen?

Es gibt eine ganze Reihe von guten Lösungen für digitale Prüfungsformate. Aber es gibt auch die ganz berechtigte Sehnsucht vieler Dozierender wie Studierender vielleicht doch die mündlichen Prüfungen oder Klausuren in der gewohnten Präsenzform zu erbringen. Im Augenblick werden für alle Module neue Beschreibungen für dieses Semester entwickelt. So soll aus der Idee, wie die Lehrveranstaltungen aufgebaut werden und sich entwickeln, auch gefolgert werden, wie dann eine Prüfung aussieht. Es werden derzeit also alternative Prüfungsformen entwickelt. Zum jetzigen Stand ist nur zweierlei sicher: Die Prüfungen finden im vorgesehenen Zeitraum statt und niemand wird aufgrund einer Belastung durch die Pandemie benachteiligt werden.

Welche Chancen sehen Sie in der verstärkten Nutzung der digitalen Lehre? Wie können die Hochschulen langfristig von den gegenwärtigen Erfahrungen profitieren, welchen Effekt erhoffen Sie sich vielleicht sogar für die Zeit nach der Corona-Pandemie?

Eine weitere Chance bietet sich in den wachsenden Möglichkeiten, dass Lehrbeauftragte und Vertreterinnen und Vertreter der beruflichen Praxis mit der Hochschule, mit Wissenschaft und Forschung sowie mit Studium und Weiterbildung in Kontakt kommen und bleiben.

Aus meiner Sicht unterscheiden sich die Chancen der Nutzung digitaler Lehre in der Krisenzeit von den dauerhaften Effekten. Im Augenblick ermöglicht die Online-Lehre den Hochschulen ihrer zentralen Aufgabe im Bereich Lehre nachzukommen: Wir gewährleisten allen Studierenden zeitlich wie inhaltlich erfolgreich ihr Studienziel zu erreichen. Das ist gerade für die dringend benötigten Fachkräfte in den sozialen Berufen, mit denen es die FFH zu tun hat, ein enormer Gewinn. Ein zweiter Effekt ist, dass die Vereinbarkeit von beruflicher Praxis und Studium gesteigert wird. Die Studierenden, die es verstehen, sich selbst und ihren Kompetenzerwerb zu strukturieren, engagieren sich zugleich in der beruflichen und fachlichen Praxis. Oft bis an die Belastungsgrenze, wie wir in unseren Beratungsangeboten spüren.

Die mittelfristigen Effekte liegen im hochschul- und studienorganisatorischen Bereich. Sie ergeben sich nicht einfach, weil wir jetzt die Online-Lehre durchführen, sondern nur wenn wir die konstruktiven Potentiale kritisch nutzen. Wir versuchen beispielsweise durch Dokumentation und Evaluation die Best-Practice-Angebote zu identifizieren, die dann mit geprüfter hochschuldidaktischer Qualität und Qualifikation etabliert werden können. Aber als Hochschule im Bereich Sozialwesen werden wir immer mit Beziehungen, direkter Begegnung und unmittelbarer Kommunikation von Menschen zu tun haben. Die Chance der Online-Angebote liegt darin, Spielräume für präsenzintensive Veranstaltungen und zusätzliche Wahlmöglichkeiten zu gewinnen. Eine weitere Chance bietet sich in den wachsenden Möglichkeiten, dass Lehrbeauftragte und Vertreterinnen und Vertreter der beruflichen Praxis mit der Hochschule, mit Wissenschaft und Forschung sowie mit Studium und Weiterbildung in Kontakt kommen und bleiben. Hier erhoffen wir uns, dass eine – technische wie ideelle – Plattform entsteht, die die Hochschule und die regionalen wie internationalen Träger und vor allem die Fachkräfte vernetzt und trägt.

An der FFH gibt es auch Studiengänge, die zum aktuellen Sommersemester aufgenommen werden können. Für die Neulinge wird ein rein digitaler Einstieg ins Studium ggf. eine besondere Herausforderung – gibt es nun Angebote, die sich explizit an Erstsemester richten und ihnen das Einleben am (virtuellen) Campus erleichtern?

Ja, diese Angebote gibt es. Wir haben zwei Studierendengruppen, die gerade jetzt mit dem Studium beginnen, ohne ihre Hochschule zu betreten. Für sie gab es virtuelle Einführungsveranstaltungen.

Tatsächlich aber merken wir hier und auch bei denen, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben, wie schlecht ersetzbar und wie wichtig auch für uns die Willkommens- und Abschiedsrituale sind. Ankommen und Gehen sind Beziehungsereignisse; hier haben wir noch keine befriedigenden virtuellen Lösungen, sondern trösten alle Mitglieder der Hochschule mit der Idee eines „Nachher“-festes.

Ihr Lehrangebot richtet sich in großen Teilen ja auch an pflegerische und medizinische Ausbildung. Da wird es in den kommenden Jahren nochmals gesteigerte und ggf. geänderte Bedarfe geben. Gibt es schon Pläne, Ihr Studienangebot auszubauen oder in einigen Bereichen nochmals zu spezialisieren?

Die FFH schließt derzeit ihren Ausbau zur Vollhochschule ab. Wir betreiben institutionell abgesichert Forschung, Weiterbildung und Lehre.

Vier neue Studiengänge werden gerade neu eingeführt: ein dualer Bachelorstudiengang Hebammenkunde und drei berufsbegleitende Masterstudiengänge: Physician Assistant, Versorgungsforschung und Management im Gesundheitswesen und Kultur-Bildung-Teilhabe. Kunst & Pädagogik in der frühen Kindheit. Damit haben wir in unseren vier Studienfeldern – Soziale Arbeit, Kindheitspädagogik, Pflege und Medizin – sowohl Bachelor- als auch Masterangebote. Ein weiterer Schritt wird die Eröffnung des Bereichs der Promotionen sein. Es gibt keinen Bedarf an einem weiteren Angebotsausbau, wohl aber an der Differenzierung der Spezialisierungen und an einer Steigerung der Studienplatzzahlen innerhalb der meisten Programme.

Wir arbeiten an Spezialisierungsangeboten, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern weitere Berufsperspektiven eröffnen. Ich spreche von Teilnehmenden, weil wir den Schwerpunkt dieser Angebote im Weiterbildungsbereich sehen. Ob es um Intensivpflege, Casemanagement, Angebote zur Organisationsentwicklung und Führen und Leiten in Sozialen Organisationen oder die Qualifikation zur Begutachtung im Gesundheitswesen geht – immer sehen wir Fachkräfte und ihre Arbeitgeber als unsere Ansprechpartner, solange es keine öffentliche Förderung in diesem Bereich gibt.

Wie ist die aktuelle Verbindung der FFH zum Florence-Nightingale-Krankenhaus in der Corona-Pandemie: Sind einige Ihrer Studierenden nun verstärkt im praktischen Einsatz im Krankenhaus oder der Pflege? Kann dieser Einsatz auch dort, wo er nicht in praktischen Pflichtmodulen vorgesehen ist oder darüber hinaus geht, angerechnet werden? Oder haben Sie andere Formen der Honorierung ehrenamtlichen studentischen Engagements gefunden?

Keine Frage, der fachpraktische Einsatz der Studierenden findet Anerkennung und findet Anrechnung. Zum einen haben wir kollektive Lösungen für Studierende in unserem Pflegestudiengang. Sie haben derzeit überhaupt keine Lehrveranstaltungen, ihnen wird ihre derzeitige Praxis im Rahmen des Studiums anerkannt und sie holen die Lehre ab dem Sommer nach. Zum anderen haben wir aber auch jede Menge von Einzellösungen, in denen die derzeitige ehrenamtliche Praxis in der Regel für die Praxisanteile des Studiums angerechnet wird.

Das Florence-Nightingale-Krankenhaus ist dabei unser nächster Kooperationspartner, mit dem wir schon immer praktische Modelle vorentwickeln und etablieren – derzeit das Studium Pflege und Gesundheit und das duale Studium Hebammenkunde. Die Fülle der Studierenden bringt uns aber noch viele weitere Praxispartner.

Und abschließend: Was möchten Sie Ihren Studierenden für die nächsten Wochen als Motto zum Stichwort „digitale Lehre“ und „Durchhalten in Corona-Zeiten“ mit auf den Weg geben?

Wir haben auf unserer E-Learning-Plattform eine hochschulöffentliche Veranstaltung eingerichtet: „Mitten am Tag in den Himmel greifen. Impulse aus der Fliedner Fachhochschule“. Der erste dieser Impulse stammt aus Überlegungen des Zukunftsforschers Matthias Horx, der, wie wir, feststellt, dass im Augenblick „die Zukunft ihre Richtung ändert“. Und gerade jetzt kommt es darauf an, nicht nur Gefahren und Probleme zu sehen, sondern darauf, „uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einzubeziehen. … Dadurch entsteht eine Brücke zwischen heute und morgen: ein ‚Future Mind‘, eine Zukunftsbewusstheit.“ Wir sind dabei, durch die Corona-Krise unsere gesamte Lebenseinstellung zu verändern. Doch vielleicht wird uns mit dieser Zukunftsbewusstheit klar, was bei all dem, was gerade geschieht und entsteht, erhaltenswert, wichtig zu fördern und zukunftsweisend ist: Dass wir Menschen aus der Beziehung zueinander und zur Schöpfung leben.

Herzlichen Dank an Herrn Prof. Evers für das Gespräch!